Wir setzen uns für den Schutz des Lebens ein – ein besorgter Rückblick am Jahresende 2011
Argumentation zwischen legitimen Sachüberlegungen und moralischen Urteilen*
Mit steigendem Unbehagen verfolge ich in letzter Zeit deutliche Veränderungen in der Diskussion bei Fragen des Lebensschutzes; das gilt auch und insbesondere innerhalb der aktiven „Mitstreiter für das Leben“. Dabei geht es um die notwendige Suche nach den besten, menschengerechten Lösungen hochkomplexer bio-ethischer Fragen, die sich zudem infolge weiterer Forschungsergebnisse immer wieder neu stellen. Der hohe Grad an Emotionalität bestimmter Themen (z.B. Organspende, PID) darf nicht vergessen werden.
Die Umsetzung der gefundenen Lösungen in die plurale Gesellschaft hinein setzt ein hohes Maß an Überzeugungskraft und Sensibilität voraus.
Leider muss man den Eindruck gewinnen, dass immer weniger über das „Für und Wider“, über Vor- und Nachteile bestimmter Handlungsalternativen gestritten wird. Der ehrliche Austausch von auf belastbaren Fakten beruhenden Sachargumenten tritt zunehmend in den Hintergrund.
Unterschiedliche, diskussionswürdige Auffassungen werden stattdessen zu Gesinnungsalternativen „hochstilisiert“ – mit der Folge des Vorwurfs an Andersdenkende, keine „echten Lebensschützer“ zu sein. Ein möglicher (auch korrigierbarer) Irrtum führt aufgrund dieser moralisch überhöhten Argumentation leicht zur Abwertung. Die so als inakzeptabel, sogar als unanständig definierten Meinungen müssen dann auch nicht mehr widerlegt werden.
Wenn man sich die Geschichte vieler gesellschaftlicher Diskussionen ansieht, die vielen „Irrungen und Wirrungen“ betrachtet, so möchte man uns bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit etwas mehr Gelassenheit wünschen – auch eine „Art erlittenen Humors“.
Weihnachten 2011 Johannes Beckermann
*PS: Dieser Text ist in einigen Passagen von Herrmann Lübbe (zur Moralisierung der Politik) und Elmar Salmann (zur Haltung der Gelassenheit) angeregt worden.
Wie eine Bestätigung der in dem o.a. Text ausgedrückten Sorge wirkt ein Artikel von Josef Isensee (FAS 25. 12. 2011) über eine Debatte in der kath. Kirche unter “Gefangen im ewigen Dilemma”. Er schreibt u.a.:
“Hier tritt ein genereller Defekt innerkirchlicher Auseinandersetzungen zutage: dass die Diskutanten die Argumente nicht austauschen und abwägen, sondern sofort nach dem Raster von Gut und Böse sortieren, dass sie sich auf ewige Wahrheiten berufen, wo zeit- und umständeorientierte Klugheit gefordert ist.”

