2005 Conclusion
2. gemeinsame Vortragsreihe:
„Kinder – Brücken in die Welt von morgen“
Erste Schlußbemerkungen:
„Dreißig Jahre nach zwölf“ – mit dieser alarmierenden Überschrift hat die FAZ den „Grundkurs Demographie“ von Professor Birg eingeleitet. Schon vor mehr als dreißig Jahren gab es die ersten Warnungen wegen des immer deutlicher werdenden Einbruchs der Geburtenrate in Deutschland. Die Professoren Biedenkopf und Miegel haben 1977 ein Institut (IWG) gegründet, um die damals schon absehbaren Folgen (in den Bereichen Arbeitsmarkt, Sozialsysteme und Staatsverschuldung) zu analysieren. Seither hat sich die negative demographische Entwicklung zunehmend verfestigt und sogar beschleunigt. Mehr und mehr – insbesondere gut ausgebildete – Eltern verzichten bewußt auf Kinder. Während früher der Kinderwunsch noch grundsätzlich vorhanden war, hat heute auch insoweit eine Veränderung stattgefunden: die sinkende Zahl entspricht dem Wunsch (insbesondere der Väter).
„Der Umbruch im Wertesystem der persönlichen Lebensführung hat markante Spuren im generativen Verhalten hinterlassen“ (di Fabio).
Wir müssen uns fragen, ob dieser Prozeß nicht sogar die nahezu zwangsläufige Folge der von uns gewünschten ökonomischen Entwicklung ist. Wenn Fragen der wirtschaftlicher Nützlichkeit auf der Werteskala die oberste Priorität genießen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Kinder – das „Leben“ , auch das „werdende Leben“ – nur noch unter diesem Gesichtspunkt gesehen – und abgelehnt – werden.
Kinder sind „reines Privatvergnügen“ – als gesellschaftliches Anliegen werden sie nicht mehr wahrgenommen. Nur aufgrund dieses Wertewandels ist überhaupt verständlich, daß kürzlich das Landgericht in Hamburg die Schließung eines Kindergartens angeordnet hat – wegen des der Nachbarschaft nicht länger zumutbaren Belästigungspotentials.
Auch aufgrund der erhöhten Medienaufmerksamkeit werden sich mehr und mehr Mitbürger der gravierenden, sehr konkreten Folgen der dramatisch veränderten demo-graphischen Lage bewußt. Die Risiken einer schrumpfenden und zugleich alternden Gesellschaft sind unübersehbar.
Im Interesse unserer Zukunftsfähigkeit haben wir daher in unserer gemeinsamen Vortragsreihe „Kinder – Brücken in die Welt von morgen“ den Versuch unternommen, „Familie neu zu denken“ – nüchtern und frei von ideologischen Vorstellungen, ausgehend von den gegebenen Umständen/Möglichkeiten, sogar Zwängen und unter Berücksichtigung veränderter Wertvorstellungen.
Worin könnten – zumindest mittelfristig – realistische Möglichkeiten des Gegensteuerns bestehen?
* Keine tragfähige Lösung ist die „schlichte“ Rückkehr zu dem Ideal des „traditionellen Familienbildes“, das so kaum je gelebt worden ist.
* Wir müssen Abschied nehmen von einigen modernen „Errungenschaften“ – häufig genug nur Folgen eines ausgeuferten Individualismus, verbunden mit wachsender Bindungsunfähigkeit. Die grassierende Anonymität und die wachsende Alters-Einsamkeit (insbesondere in den Städten) beschreiben das sich intensivierende Problem. „Anonyme Gräber“ sind nur die zwangsläufige, logische Folge
* Gefragt ist nichts weniger als ein tragfähiger Mentalitätswechsel unter grundsätzlicher Wiederentdeckung traditioneller Werte des Familienlebens.
* Erforderlich ist eine Kombination neuer Denkweisen und Formen:
Grundbedingung ist die wieder steigende Bereitschaft zu dauerhaften, verantwortungsvollen Bindungen sowie die Eröffnung echter Wahl- und Entlastungsmöglichkeiten für die Eltern. Dies müßte ergänzt und unterstützt werden durch Krippen, Ganztagsschulen sowie kinderfreundliche Familien-/Nachbarschaftsnetzwerke (und evtl. Mehrfamilienhäuser). Weitere „Bausteine“ für die dauerhaft bessere Vereinbarung von Familie und Beruf müssen seitens der Unternehmen geschaffen werden (auch als entscheidender Wettbewerbsfaktor für die eigene Zukunft).
* Hilfreich wäre es, wenn der Staat diese Entwicklungen mit klugen finanz- und bildungspolitischen Rahmenbedingungen („Anreizen“) flankiert und dabei nicht der Versuchung erliegt, die Kinder für seine Zwecke zu „sozialisieren“.
Zudem fehlt immer noch die staatliche Anerkennung der Kindererziehung, z.B. im Bereich der Sozialversicherung.
* Kinder müssen wieder als Quelle der Freude, als Sinnstifter wahrgenommen werden. Nur dann wird sich unser zumindest „kinderentwöhntes“ Land ändern und für die Zukunft öffnen. Nur dann werden Schwangere wieder „guter Hoffnung“ sein.
Denn: Kinder sind die Brücken in die Welt von morgen – in unser aller Zukunft.

